Kurt winkt ab

pinkSogg

Super Knochen
Da ich in meiner raren Freizeit (eigentlich mehrheitlich in der Arbeit :rolleyes: ) der "Schriftstellerei" nachgehe und großen Spaß am Erzählen von Geschichten habe, versuche ich mich hier auch mal. Kritik dringend erwünscht :)


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Es war der erste, beinahe warme Abend des Jahres. Die Leute gingen nur mit leichten Windjacken zu U-Bahn und Bus, oder von den Öffis wieder weg. Mal waren es regelrechte Menschenmassen, die sich aus den schwarzen gummiumrahmten Schiebetüren schlängelten und dann und wann tropfte nur ein einziger Fahrgast aus den überwärmten Gefährten. Und eine junge Frau, die sich vor nicht ganz zwei Minuten den Weg aus dem Bus bahnte, lag dann auch schon vor dem alten Zinshaus, käsebleich und waagrecht auf dem Gehsteig verteilt.


Umso ärgerlicher war es für den Kurt, dass das Diensthandy klingelte. "Herr Doktor, wir hätten dann wieder eine Ausfahrt, wenn's recht ist."
Der Doktor, der den Kurt mit einem gequälten Blick ansah, dass einem die Tränen kommen könnten, knipste den kleinen Stationsfernseher aus und erhob sich gemächlich aus dem zersessenenen Sofa. Ganz Doktor kratzte er sich noch am Gluteus Maximus und setzte sich endlich in Bewegung.
"Was ha'm wir denn spannendes?" fragte er den Kurt.
"Mal was neues!" sagte der Kurt, beinahe fröhlich.
"Kaum zu glauben. und WAS?"
Jetzt tat der Kurt natürlich geheimnisvoll, die Chance wollte er sich nicht nehmen lassen: "Erhängt, genauer Zustand und Geschlecht unbekannt."
Und da hatte er den Doktor auch schon am Haken. "Wie, Zustand unbekannt? Woher weiß man denn, dass der jenige überhaupt erhängt ist?" fragte dieser, nahezu aufgeregt.
"Eine Passantin hat's gesehen", warf der Kurt ihm wieder einen neuen Brocken hin.
"Und die Passantin hat Röntgenaugen, oder was?" Es war soweit. Der Doktor war wirklich neugierig. Wahrscheinlich hat er schon vergessen, dass er gerade etwas betrübt war, weil er mitten in einem spannenden Film einfach wieder zum "Leichen-stiadln" muss.
Auf der Fahrt zum "Kunden" hat der Kurt noch ein bisschen weiter erzählt. Scheinbar hat jemand vergessen, das Licht abzudrehen. Und der "Kunde" hat in seiner ebenerdigen Wohnung keine Vorhänge gehabt. Und darum hat auch eine Passantin beim Reinschauen in die Wohnung den Körper von der Decke baumeln gesehen. Und die überlegt sich jetzt wahrscheinlich drei Mal, ob sie noch mal in anderer Leute Wohnung linst.
"Also ich finde das furchtbar" hat der Doktor gesagt. "Warum? Sie fahren doch nicht erst seit gestern und haben bestimmt schon etwas Schlimmeres gesehen als einen Erhängten. Oder eine Erhängte. Weiß' ja nicht" entgegnete der Kurt, der wieder einmal dem Verkehrsfluss entsprechend das Gaspedal durchtrat.
"Ich mein doch nicht den oder die Wahnsinnige, sondern die Stromverschwendung! Wahrscheinlich hat ihr Mann sie erhängt. Mich macht es auch rasend, wenn meine Freundin überall das Licht auf-, aber nicht mehr abdreht! Wer braucht denn so eine Festtagsbeleuchtung? Die führt nur dazu, dass die Menschen immer schlechter sehen und immer ungeschickter werden, weil sie an Dämmerungs- und Dunkelheitssehen nicht mehr gewöhnt sind!..."
Und als der Doktor da so seinen Monolog über den Sittenverfall, die verkommene Jugend und Stromverschwendung hielt, sich außerdem noch darüber echauffierte, dass jemand im Erdgeschoss keine Vorhänge hat und das ja auch schon an grenzdebilen Schwachsinn stoße, hat der Kurt im Kopf "highway to hell" mitgesungen
In der Zielstraße sind sie dann auch vor dem Haus stehen geblieben und haben sich das angeschaut. Der haselnussbraune Fensterrahmen hat das Gemälde mit dem baumelnden Körper fast perfekt gemacht.
Von der Alarmierung auf dem Diensthandy bis zum Eintreffen am Berufungsort waren es bestimmt keine 20 Minuten. Trotzdem hat die Mannschaft der Polizei vor lauter Ungeduld schnell zum McDonalds müssen und sich eine 20er-Packung Chicken McNuggets geholt.
"Mahlzeit!" hat der Kurt in die Kiwaristen-Runde genuschelt. "Ist die Wohnungstüre offen?". "Achso Andi, geh', schau bitte mal nach." Der Andi rennt auch gleich brav los und kommt enttäuscht wieder. "Nein, ist nicht offen".
"Nagut" sagt der Kurt und übernimmt mit diesem simplen Wort plötzlich, jedoch nicht ganz unfreiwillig, die Leitung des Einsatzes.
"dann alarmiert ihr mal die Feuerwehr, damit irgendwer die Wohnung öffnet, und dann haben wir's eh schon kuschelig" wendet er sich dem Polizisten zu, der dem Andi-Polizisten den Auftrag mit der Türprüfung gegeben hat.
Auch die Feuerwehr braucht noch ein bisschen, und so gehen der Einsatzleiter Kurt und der Doktor auch zum McDonalds.

Mit dem Cola-Becher in der Hand sind der Einsatzleiter Kurt und der Doktor wieder zurück, und da ist schon das TamTam in vollem Gange gewesen
 
Nícht schlecht ,obwohl mir persönlich ein bisserl zu flappsig geschrieben ;)

Zudem sind viele Sätze die mit *Und* anfangen !!!!

Den Satz find ich sowieso spannend *gg* ..Und eine junge Frau, die sich vor nicht ganz zwei Minuten den Weg aus dem Bus bahnte, lag dann auch schon vor dem alten Zinshaus, käsebleich und waagrecht auf dem Gehsteig verteilt.

Musste ihn öfters lesen ums zu verstehen ,bin aber auch schon ne alte Frau ...

Dennoch würd ich gerne mehr lesen wollen vom Kurt ;)
 
Dass es ein bisserl "Hoppadatschig" im Erzählen wirkt, war nicht ganz unabsichtlich. Ich orientiere mich da etwas an Wolf Haas - auch was den Stimmungsaufbau anbelangt. Hoffe aber doch, dass es nicht zu sehr an ihn erinnert (das haben schon 2 Leute kritisiert), was absolut nicht meine Absicht wäre :)
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Übrigens nennt der Kurt den Einsatzleiter meistens „Ei-Leiter“. Also quasi Tuba uterina. Aber auf Latein klingt es natürlich weit weniger lustig. Wenn der Kurt selbst mal Eileiter – also Einsatzleiter – ist, ist er froh, wenn ihn niemand so nennt.

Die Tür war dann schnell offen, nachdem die Feuerwehr mit 3 Löschzügen angerückt ist. Das fasziniert den Kurt jedes Mal aufs Neue. So viele Leute, so viel Equipment und so wenig zu tun. Jedem Brandstifter sollte man ja direkt dankbar sein. Wahrscheinlich sind die eh’ alle von der Feuerwehr engagiert. Der Kurt wäre auch gern Brandstifter für die Feuerwehr. Einmal sein eigener Chef sein und nur die Kundenaufträge entgegen nehmen. Das wärs’…

Als der Kurt aus seinem Tagtraum wieder aufgewacht ist, war der ganze Fall quasi erledigt. Grad die Unterschrift vom Tuba uterina hat noch gefehlt. Alles da. Abschiedsbrief, präklinisch keine sicheren Zeichen für eine Fremdeinwirkung oder einen unfreiwillig gewaltsam herbeigeführten Tod. Alles easy-cheesy.

„Easy-Cheesy“ hat der eine Schulkollege vom Kurt immer gesagt. Das war ein Trottel. Der klassische Streber, wie er im Buche steht. So ein Typ, der vor jeder Rückgabe von Tests gejammert hat: „Das wird sicher ein Fetzen!“ und – Überraschung – dann war’s ein Einser. Süffisant hat er dann immer vor sich hingegrinst und geprahlt, dass die Schularbeit ja eh einfach war und ihm „easy cheesy“ von der Hand gegangen ist. Der Kurt hat dann angefangen, mit dem Roman – seinem sozusagen besten Schulfreund – auch alles easy-cheesy zu finden. Natürlich immer so, dass es der eine Schulkollege mitgekriegt hat.

Die Wohnung von der Marianne – so hat die Selbstmörderin geheißen – war nett. Wenn der Strick nicht immer noch von der Decke gebaumelt wäre … Das hat die Marianne übrigens sehr geschickt gemacht. Die hat extra einen Balken von der einen Zimmerwand bis zur nächsten montiert. Der Kurt ist ja handwerklich etwas weniger begabt. Bilder aufhängen und Glühbirnen wechseln geht ja noch. Aber etwas Montieren und Zusammenbauen, das ist weniger seines. Wenn die Marianne das ganz allein geschafft hat, dann Hut ab! Auch wenn ihr das jetzt nicht mehr viel nützt.
Der Kurt geht zumindest davon aus, dass der Balken extra montiert wurde, weil zur restlichen Einrichtung passt er jedenfalls nicht. Inneneinrichtung, das ist schon eher dem Kurt seines.
Am Fenster, durch das die neugierige Passantin die Marianne schaukeln gesehen hat, stand eine eigenartige Pflanze. Direkt prähistorisch hat sie ausgesehen, mit den primitiven Blättern, dem wulstigen Stängel und der klobigen Blüte.

„Sag, Andi…“ hat der Kurt den Polizisten gefragt, der käsebleich in der Tür gestanden ist und sich am Türstock angelehnt hat. „…was passiert denn mit den Pflanzen, wenn die Wohnung ausgeräumt wird?“. „Die werden wahrscheinlich weggeschmissen. Außer, sie sind im Testament erwähnt.“ hat der Andi sich zu scherzen bemüht. „Soso“ murmelt der Kurt und legt das Kinn an das Jugulum…
 
Mein Mann musste gerade wegen dem *Ei -leiter * lachen und meinte ,dass das eben nur einer Frau einfallen könnt ;) Eh klar,selber kommens da ja nicht drauf *gg*

Der zweite Teil lest sich super !!!!!!!!!

Den Wolf Haas kenn ich nur vom Hörensagen ...Buch hab ich noch keines gelesen von ihm .
Ich bin auch in einem Buchforum wo sogar einige Autoren mitschreiben und seitdem komm ich aus dem Lesen gar nimmer raus.
 
Mein Mann musste gerade wegen dem *Ei -leiter * lachen und meinte ,dass das eben nur einer Frau einfallen könnt ;) Eh klar,selber kommens da ja nicht drauf *gg*

Der zweite Teil lest sich super !!!!!!!!!

Den Wolf Haas kenn ich nur vom Hörensagen ...Buch hab ich noch keines gelesen von ihm .
Ich bin auch in einem Buchforum wo sogar einige Autoren mitschreiben und seitdem komm ich aus dem Lesen gar nimmer raus.


Zum Eileiter möchte ich sagen, dass das aus Sanitätskreisen kommt (und keine Frauenerfindung war)! Obschon ich natürlich stolz darauf wäre, wenn ich mich mit der Erfindung so origineller Bezeichnungen rühmen könnte ;)

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Langer Rede kurzer Sinn. Der Kurtl konnte das Blümchen ja nicht so sterben lassen. Und da Blumen zugegebener Maßen recht passive Zeitgenossen sind (und es ja nicht so machen können wie die Marianne also, sich selbst richten und so), ist beim Kurtl halt auch ein bisserl der Mutterinstinkt durchgekommen.

Es kann sich wohl niemand vorstellen, wie unsicher der Kurt sich gefühlt hat. Er hat Verantwortung für ein Pflänzchen. Er wusste zwar nicht, was das für ein Pflänzchen war, aber es war bestimmt etwas ganz besonderes.

Um 19 Uhr war Schichtende. Der Kurt hat dem Doktor diesmal nur die li. Hand zum Abschied reichen können, weil er mit der rechten seinen Topf halten musste. Man darf es ja nicht laut sagen, aber der Kurt stand mit der Übernahme des Topfes samt Inhalt plötzlich extrem unter Druck. Hatte er doch noch nicht einmal Verantwortung für sein eigenes Leben, so war das einem Quantensprung gleichzusetzen.
Mit der Pflanze in der Hand ist der Kurtl in die U-Bahn gestiegen. Bei der Station Karlsplatz (bei der dem Kurt immer viele schöne Erinnerungen durch den Kopf schießen) ist die Frau Rusizcka eingestiegen. Man muss natürlich schnell erwähnen, dass das nicht irgendeine Frau Rusizcka ist, sondern DIE Frau Rusizcka. Die, die den Kurt einmal im Monat dran erinnert, dass es auch die Essensbeschaffung durch Kochen gibt (ja, wirklich!). Meistens kocht sie mit viel Butter. Sogar in den Reis gibt sie Butter. Der Kurt kann sich diese Fürsorge nur damit erklären, dass die ehemalige Krankenschwester seit ihrer Pensionierung dringend ein Hobby gebraucht hat. Und da kommt ihr so ein unbeholfener, alleinstehender Nachbar ganz recht. Vielleicht ist sie aber auch in Wahrheit eine, die den Kurt mästen will und eines Tages wird der Kurt zu seiner eigenen Leichenbeschau fahren und sich selbst als Gulasch mit Nockerl oder Pariserschnitzel identifizieren. Falls dem so sein sollte, hofft er, dass es den gebutterten Reis dazu gibt. Das Pariserschnitzel von der Frau Rusizcka mit dem Reis ist nämlich echt eine Wucht. Und das schlimme ist, dass es wahrscheinlich niemanden groß stören würde, weil's einfach so köstlich ist.
Der Kurt schweift in Gedanken gerade zu den Polizisten, den Feuerwerkern und dem Doktor ab, wie sie die Kurt'schen Pariserschnitzel verzehren und Frau Rusizcka mahnen, dass das zwar illegal sei, aber bei der köstlichen Zubereitung wäre es das größere Verbrechen, die Frau am Kochen zu hindern. Und der Kurt habe damit ja auch endlich mal was Sinnvolles geleistet. Ob die Kurt-Schnitzel so köstlichen wären, weil der Kurt ein klasse Kerl war, oder weil's die Frau Rusizcka so fein geklopft hat, kann der Kurt nicht mehr beantworten, denn die Schnitzelmeisterin reißt ihn wieder zurück in die Realität.
"Ja lieber Kurti, wie geht's Ihnen denn?" klopft ihm die Frau Rusizcka auf die Schulter und platziert sich neben ihm.
"Gut gut, Frau Nachbarin. Und wie ist das werte Befinden bei Ihnen?"
"Naja, sie wissens ja eh. Der Zahn der Zeit nagt und nagt, während meine Zähne immer schlechter werden! Aber sagen's, fahren sie zur Frau Mama auf Besuch? Die wird sich sicher freuen!"
"Wie kommen Sie denn auf die Idee?"
"Na dem Blümchen werden sie doch nicht zumuten wollen, zwischen ihren Spinnweben leben zu müssen! Wissen's, so ein Blümchen ist ein sehr sensibles Lebewesen"
und da hat der Kurt schon bereut, das Blümchen genommen zu haben. Der Tod durch Verdursten wäre sicher besser als von den aggressiven Spinnweben zermalmt zu werden Traurig schaut der Kurt auf sein Stöckerl.
"Also eigentlich wollt ich schon den Versuch wagen. Aber vielleicht können Sie mir ja helfen?" hat der Kurt seine Nachbarin mit den Augen angeklimpert, wie ein Kind, das seiner Mutter mitteilt, die Hausübung nicht machen zu wollen.
Und die Frau Rusizcka hat scheinbar nicht nur Krankenschwester gelernt, sondern auch Floristin. Von dem Monolog, den die Frau Rusizcka gehalten hat, hat der Kurt sich ein paar Fetzen gemerkt. Alle 2 Tage gießen. Viel reden. Einmal wöchentlich mit Wasser ansprühen. Und nicht ins direkte Licht stellen. Und dass sie selbst ja auch so viele Pflanzen hätte, weil sie leider eine Tierhaarallergie plagt. Sonst hätte sie sich längst einen Hund oder eine Katze genommen. Aber nur einen Großpudel. Und den muss man immer wieder scheren, weil da die Haare bis in die Unendlichkeit wachsen. Aber sie würde nur die "Teddy"-Schur machen lassen....
 
Hallo!

Also den Wolf Haas Einfluss kannst nicht abstreiten.

Macht aber nix, ich find den sehr gut.

Weiter so!

lg marion
 
Ich streit ihn garnicht ab, ich hoff nur, dass er nicht zu dominant ist :) Halte den Haas'schen stil für sehr gelungen um "entspannende spannende Krimis" zu machen :)

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Bei der Station Hietzing ist der Kurt mit der Frau Rusiczka ausgestiegen. Die hat sich bei ihm eingehängt und weiter von ihrem Königspudel geschwärmt. „Wie die Frau, so der Wauwau“ hat sich der Kurt gedacht und seine Nachbarin aus dem Augenwinkel angeschaut. Ob ihre weißen Wolkenhaare auch bis in die Unendlichkeit wachsen, hätte den Kurt gerade sehr interessiert. Und wie ihr wohl die Teddy-Schur stehen würde. Der Kurt hat nämlich einen ganz ausgeprägten Sinn für Esthetik und kann es gar nicht leiden, wenn optische Eindrücke nicht mit diesem Sinn harmonieren. Darum ist er wahrscheinlich auch immer so grantig, bei den vielen unschönen Bildern, die sich ihm den ganzen Tag präsentieren.
„Übrigens handelt es sich bei diesem Gewächs um einen Christusdorn aus der Gattung der Euphorbia! Das sind Wolfsmilchgewächse.“ hat die Frau Rusiczka wieder zum eigentlichen Thema zurückgefunden und die Königspudel, Tierhaarallergien und Menüpläne zurückgelassen.
Kurtl war sich nicht mehr sicher ob seine Nachbarin wirklich Krankenschwester war. Dieser Satz scheint ihm eher aus dem Mund einer Floristin zu kommen.
Der Heimweg hat sich gezogen. Kurt mag die Frau Rusiczka ja wirklich gerne, aber SO VIEL Gerede um nichts und wieder nichts war selbst einem stillen Zuhörer wie ihm zu viel. Zu Hause angekommen, fragt sie gerade noch im letzten Moment, ob der Kurt nicht auf einen Kaiserschmarren mit rauf kommen will – und man kann verstehen dass bei dieser hemmungslosen Verwendung von Butterschmalz zum Rausbacken die reinste Geschmacksexplosion im Mund stattfindet. Da kann man nicht „Nein“ sagen.
Als die Frau Rusiczka den Teig angerührt hat, hat der Kurt sich ihren Urwald angesehen. Auskennen tut er sich ja nicht, aber er war sicher, dass da recht exotische Exemplare dabei waren. Vielleicht sogar giftige. Oder solche, die – wenn man wegsieht – sich auf einen stürzen und dann mit ihren Enzymsäften anschleimen. Überrascht hätte es ihn jedenfalls nicht, wenn Knurren oder Bellen aus einem dieser wuchernden Monster getreten wären. Teilweise hatten sie gigantische, saftig-grün glänzende Blätter, die Blüten leuchteten in allen Regenbogenfarben. Einige trugen wulstige, fremdartige Früchte, die man schon aus mehreren Metern Entfernung als „giftig“ einstufen würde und keineswegs freiwillig anrührt. Es roch nach nasser Erde, wie nach einem langen Sommerregen. Vielleicht ist da auch die Pflanze dabei, mit der die Frau Rusiczka den Kurtl betäubt und dann zu Pariser Schnitzeln verarbeitet.
„Wissen Sie, junger Mann, alles was man in eine Pflanze investiert, bekommt man von ihr doppelt und dreifach zurück!“ plätschert es ihr aus dem Mund, als sie hingebungsvoll den Kochlöffel in ihrer Rührschüssel schwang.
„Und was muss man so alles investieren?“ entgegnet der Kurt.
„Naja, einerseits Wasser und nette Worte, andererseits viel Fürsorge und Liebe. Das spüren diese Pflanzerl’ ganz genau! Ich sag’s Ihnen, die sind einfühlsamer als so mancher Mensch.“
Plötzlich klopft es an der Türe. Im selben Moment, als das Klopfen noch nicht verhallt ist, wird Frau Rusiczka knallrot und kramt in ihrer Kitteltasche, die ausgebeult von dem weißgeblümten Hauskleid wegsteht, herum.
„Entschuldigen Sie mich bitte, junger Mann, und machen Sie sich mal mit den Pflanzen bekannt – ich bin sofort wieder da.“ Sie hat den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da ist sie schon zur Wohnungstüre geeilt. Der Kurtl hat nur ein Tuscheln vernommen, obwohl er eigentlich nicht lauschen will.
„WAAAS?“ plärrt da plötzlich eine fremde Stimme. Lautes Fiepen. Daraufhin heftiges Herumgeraschel.
„Mein Gott, Lola, ned so grob! Du musst da oben drücken…jo, genau da!“. Lauteres Fiepen. „Jo, jetzt hör ich dich!“…
Der Kurt sieht sich eine Pflanze an, deren Früchte wie winzige Paprika-Schoten aussehen. Allerdings sind diese fast schwarz. Ob die wohl noch gut sind? „Grüß Gott“ sagt der Kurt mit dem kleinen Christusdorn in der Hand zu dem Paprika-Mutant. Er fürchtet schon auf eine Reaktion des Blätterwerks und wendet sich etwas ab, da steht auch schon die Frau Rusiczka wieder vor ihm. „Der spricht nur spanisch“ erklärt die Frau Rusiczka, als ob es an Verständigungsschwierigkeiten liegen würde, dass die Pflanze nicht antwortet.
„Aha“.
„Ja, manchmal ist er ein bisschen schüchtern.“ Erklärt die Frau Rusiczka weiter. „Oder er ist beleidigt. Gestern gabs nämlich Chili. Und ein gutes Chili brennt drei Mal!“
Erwartungsvoll sah ihn die Frau Rusiczka an. Kurt überlegte. Einmal wenn’s in den Körper kommt, einmal wenns den Körper wieder verlässt… Aber 3 Mal?
„Ich komm nicht drauf“ enttäuschte er seine Nachbarin.
„…Das Dritte Mal muss es dem Kanalarbeiter in den Augen brennen!“ Die Frau Rusiczka verlor fast ihre Zähne beim Lachen, hat sie aber mit der Hand, die sie die ganze Zeit in der Kitteltasche hatte, noch rechtzeitig aufgefangen. Durch das ruckartige Herausziehen ist auch etwas Tascheninhalt mitgeflogen. Zwei weiße Papiertütchen sowie einige Geldscheine segelten in Zeitlupentempo zu Boden. Kurt spürte den beschleunigten Herzschlag von Frau Rusiczka in der Luft, als ob jemand auf große Bongo-Trommeln einprügeln würde. Auf dem Boden sammelten sich knappe 300 Euro in verschiedenen Scheinen…
 
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