Hallo Chico und Helmut,
zunächst eine Antwort auf Helmuts Einwand, dass der Vergleich mit Filmtieren nicht zulässig sei. Du schreibst: "Wenn ich eine Szene mit einem Tiger drehe, dann werde ich das Umfeld so gestalten, dass keine Ablenkung vorhanden ist..." Hast Du schon einmal bei solchen Dreharbeiten zugeschaut? Wieviele Mitarbeiter notwendig sind, um eine Szene zu drehen? Selbst auf das absolute Minimum begrenzt sind da Beleuchter, Tonleute, Kameraleute, Regisseur, Regieassisstent und, und, und. Weiterhin kann man die Szenen in den seltensten Fällen in der gewohnten Umgebung des Tieres drehen. Oftmals sind sogar Freilandaufnahmen notwendig. Von einem ablenkungsfreien Arbeiten kann da gar keine Rede sein! Verglichen damit stellt der Spaziergang mit einem Hund durch eine belebte Einkaufsstrasse sicherlich die geringere Störung da - vorausgesetzt, der Hund ist vom Welpenalter an an solche Situationen gewöhnt worden (und das sollte ja wohl selbstverständlich sein!)
Zu der Sache mit dem unverträglichen Rüden: wenn es Dich interessiert, wie genau wir das gemacht haben, kann ich es Dir gerne privat mailen, es würden sonst den Rahmen dieses Postings sprengen. Daher hier nur ganz kurz zwei wichtige Punkte:
1. ich denke, ich sage Dir nichts Neues damit, dass ein "Stänkerer" alles andere als ein dominanter Hund ist - auch wenn viele Besitzer solcher Hunde immer glauben, es wäre Dominanzverhalten. Das genaue Gegenteil ist der Fall, denn ein dominanter Hund hat es nicht nötig, sich in energieraubende Streitereien zu verzetteln. Aggression gegen Artgenossen ist IMMER Angst-Agression. Und der Versuch, Angst mit körperlicher Gewalt zu "kurieren", wird bei jedem Lebewesen - ob Mensch oder Hund - auf Dauer kaum Erfolg haben. Oder glaubst Du, ein Kind, das Angst vor der Dunkelheit hat, mit Prügel zu lehren, die Nacht zu lieben? Was also wird sich im Kopf eines Hundes abspielen, der beim Anblick eines Artgenossen aus Angst nach dem Motto "Angriff ist die beste Verteidigung" handelt, wenn er in dieser Situation noch "eine gescheuert" bekommt? Die negative Verknüpfung wird dadurch lediglich verstärkt!
2. Du fragst, wie ich den Hund dazu bringe,in der gegebenen Situation die Aufmerksamkeit auf mich zu konzentrieren. Das ganze Geheimnis dabei ist das berühmte Timing. Ein Vergleich zum Jagdverhalten: jeder weiß, dass ein jagdpassionierter Hund nicht mehr zu halten ist, wenn er erst einmal losgestürmt ist. (Ich setze hierbei voraus, dass der Hund nicht das "Down" erlernt hat, denn natürlich kann man einen entsprechend ausgebildeten Hund sehr wohl auch von der Hatz abhalten - aber die wenigsten Hunde stehen so gut im Gehorsam) Wohl aber kann man einen Hund in dem Sekundenbruchteil, wo er Witterung aufnimmt, durch SOFORTIGES Unterbrechen der anstehenden Handlung an seinem Tun hindern. Ich spare mir auch hier, auf die Details einzugehen, da ich annehme, Du weißt, was ich meine. Genauso gehe ich bei einem "Stänkerer" vor: ich beobachte den Hund ganz genau. Beim allerersten, winzigen Anzeichen, dass er sich auf einen anderen Hund in negativer Weise konzentriert (Fixieren, leichtes Verharren...) erfolgt die Ablenkung. Dann - und NUR dann - habe ich die Chance, seine Aufmerksamkeit umzulenken. Ist dieser Augenblick verpasst, kehre ich mit dem Hund um und gehe in die entgegengesetzte Richtung. Aber die Schuld am Mißlingen der Übung muss ich dann ganz alleine bei mir suchen - denn ICH habe nicht aufgepasst, den Hund nicht aufmerksam genug beobachtet. Warum soll ich den Hund für MEINEN Fehler bestrafen???
Das führt auch gleich über zu Chicos Frage, wie man einem Menschen Autorität und Ausstrahlung beibringt. Hier stimme ich Sticha Georg voll und ganz zu: solange ein Hundebesitzer seinen Hund nicht versteht, werden alle Lernerfolge mässig bleiben. Wer nicht bereit ist, sich voll und ganz auf seinen Hund einzulassen, ihm während der Ausbildung, aber auch auf Spaziergängen, seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen, nicht versucht, sich in seine Welt einzufühlen, der wird nie und nimmer "Rudelführerqualität" entwickeln. Und die berühmte Konsequenz: seien wir mal ehrlich - wieviele Hundehalter bringen die dafür nötige Selbstdisziplin auf? Ich glaube, wenn man sagt 1%, ist das schon seeehhhr hoch gegriffen. Chico hat vollkommen recht: ein Kommando, dass vom HF nicht wieder aufgelöst wird, kann man von vornherein vergessen! Und da fängt das Dilemma doch schon an. Ich kenne kaum einen Hundehalter, der auf diese doch eigentlich selbstverständliche "Kleinigkeit" achtet - und dabei ist sie das A und O der gesamten Hundererziehung. Gleiches gilt für die Korrektur eines falsch ausgeführten Befehls. Wobei ich eine mir wichtige Anmerkung hinzufügen möchte:
Das Kommando "Sitz" wird gegeben, aber der Hund legt sich hin. Immer wieder kann ich dann beobachten, dass der HF den Hund in einer Art und Weise korrigiert, die Strafe beinhaltet. Der Hund wird z.B. heftig an der Halsung ins Sitz hochgezogen, womöglich dabei noch angeschrien ("SITZ habe ich gesagt!!!") Und da soll der Hund das Kommando freudig befolgen??? Sich flach hinzulegen ist bereits ein Calming Signal, der Hund hat schon negative Erfahrungen mit den Befehlen seines HF gemacht und wird dafür noch gestraft. Ein Teufelskreis kommt in Gang: der Hund wird sich immer schneller und immer häufiger hinlegen, wenn ein Befehl kommt. Richtiger wäre es also, das "Sitz" für den Hund wieder zu etwas Positivem zu machen, d.h. die Korrektur muss ganz ruhig, emotionslos und SANFT erfolgen! Möglichkeiten dazu gibt es viele, ich denke, da wird jeder etwas für seinen Hund wissen. Mit anderen Worten: Korrektur MUSS sein, aber angstfrei und für den Hund verständlich.
Aber letztlich kann ich mich der Frage von Chico nur anschließen: das Ei des Kolumbus, wie man den HF emotionslose(!!!) Autorität und Motivationsfähigkeit beibringt, sie lehrt, auf den Hund einzugehen, habe ich bisher auch nicht gefunden. Ich glaube, dass unabdingbare Voraussetzung dafür die uneigennützige Liebe zum Hund ist, statt ihn als Statussymbol, Menschersatz, Erfüllungsgehilfen oder Ventil für die eigene Unzufriedenheit oder Machtgelüste zu mißbrauchen. Wer erkennt, dass ein Hund NIEMALS einen Befehl verweigert, weil er "mich ärgern will" oder "genau weiß, dass er das nicht darf" - wer mit anderen Worten einem Hund nicht menschliches Denken und Handeln unterstellt, der hat gute Chancen, sich als Rudelführer zu qualifizieren.
Nobody is perfect - aber niemand sollte seinen Hund für das eigene Unvermögen büßen lassen!
Inge