• Dieses Thema hat 3 Antworten und 4 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert vor 11 Jahre, 1 Monat von Anonym.
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    Anonym
    Inaktiv

    [B]Let’s talk about Sex[/B]: Das Sexualverhalten des Hundes
    Sie heulen bei Nacht oder brechen aus, um einem möglichen Partner nachzulaufen. Sie besteigen sich auf der Wiese oder werden scheinschwanger. Doch zur Kopulation mit einem Artgenossen kommt es bei den wenigsten unserer Schützlinge. Viele werden kastriert, bevor sie ins gebährfähige Alter kommen. Stellt sich die Frage: Was fühlen Hunde, die nicht dürfen, wie sie wollen? Eine Spurensuche

    [B]Früher war alles anders. [/B]Hunde durften sich vermehren, wann und mit wem sie wollten. Einige wenige Glückspilze erreichten das Stadium der Fortpflanzungsfähigkeit, die Hundemehrheit aber überlebte wohl nicht einmal die Welpenzeit. Heute löst der Anblick kopulierender Hunde in der Öffentlichkeit Entsetzen und Hilflosigkeit aus. Die Folge: Hunde werden so früh kastriert oder chemisch unfruchtbar gemacht, dass sie selten auch nur eine Ahnung von Gelüsten jenseits ihres Futternapfes entwickeln können. Andere stehen unter Bewachung von Herrchen und Frauchen, jedes harmlose Techtelmechtel wird schon im Ansatz gestoppt. Ein Sexualleben für Hunde ist hierzulande eher eine Seltenheit. Doch leiden Hunde darunter, wenn wir ihre Fortpflanzung kontrollieren? Oder übertragen Menschen hier nur eigene Vorstellungen auf den Hund? Eine Spurensuche.

    [B]Sind Hunde die Hippies der Kaniden?[/B]
    Vor hundertfünfzig Jahren stellte Charles Darwin fest, dass jede Existenz letztlich der Weitergabe von Erbgut dient und damit der Sexualtrieb ein großes Gewicht im Leben aller Arten einnimmt. Der Kanidenexperte Günther Bloch sieht die Angelegenheit heute differenziert: “Natürlich gibt es hypersexuelle Rüden, die es jedesmal quält, wenn eine Hündin in ihrer Nähe läufig ist. Aber die Mehrheit kann ganz gut mit der Sexkontrolle durch den Menschen umgehen.” Denn das durch den Menschen auferlegte Hundezölibat liegt Kaniden nach Meinung des Forschers im Blut: “Sie leben in Sozialsystemen, in denen die Kontrolle des Sexualtriebs zum Dasein in der Gruppe dazugehört. Bei Wölfen entspricht es eher der Norm, dass nur Leittiere Zugang zur Ressource Sex bekommen.”

    Doch lässt sich der domestizierte Canis lupus familiaris hier überhaupt noch mit seinen wilden Vorfahren vergleichen? Für den österreichischen Verhaltensbiologen Professor Dr. Kurt Kotrschal stehen beim Sexualverhalten von Hund und Wolf die Unterschiede im Vordergrund: “Unsere hoch gezüchteten modernen Hunde sind darauf angewiesen, im Nahbereich des Menschen zu leben. Hier sind sie entstanden, deshalb sind sie kaum in der Lage, sich ohne menschliche Hilfe erfolgreich fortzupflanzen.” Das zeigte sich deutlich, als Günther Bloch drei Rudel wild lebender Haushunde in Italien beobachtete: Während das Sozialleben im Rudel erstaunlich gut funktionierte, zeigte der Leitrüde der großen Hundegruppe starken Sittenverfall bei der Fortpflanzung, und nur die Mütter zogen den Nachwuchs auf.

    “Hier unterscheiden sich Hund und Wolf”, fasst Bloch zusammen: “Es gibt zwar auch Paarbindungen zwischen Rüde und Hündin, die zusammenleben. Aber die Beziehung ist nicht monogam wie bei den Wölfen. Ist in der Nachbarschaft eine Hündin läufig, geht der Rüde stiften, und auch die Hündin erhört gern andere Freier, wenn sie die Gelegenheit dazu hat.”

    Wie aber sollen Menschen mit der sexuellen Freiheit von Terrier, Mops und Co. umgehen? Eine hemmungslose Vermehrung will jeder vernünftige Hundehalter verhindern. Doch was ist zu tun, wenn die alte Dame mit läufiger Dackelhündin vom aufdringlichen Ridgeback verfolgt wird oder in einem Haushalt mit vier Kindern ständig die Haustür offen steht? Hier wird es schwierig mit einer entspannten Haltung zum Thema Hundesexualität.

    [B]Sollen wir verhüten, um Lust zu stoppen?[/B]
    Aber welche Verhütungsmethode wird Hunden gerecht? Besonders beim Thema Kastration scheiden sich die Geister. Für Verhaltensforscher kommt eine Kastration nur für dominantaggressive Hunde oder hypersexuelle Rüden, die bei jeder Läufigkeit einer Hündin leiden, infrage: “Es gibt viele Aggressionsformen, nur die Dominanzaggression wird tatsächlich vom Testosterongehalt beeinflusst. Verhaltensstörungen wie Angstaggression oder ständiges Aufreiten sind in den meisten Fällen Gewohnheit oder Stereotypen, die durch mangelhafte Sozialisierung entstehen konnten”, erklärt Verhaltensökologe Gansloßer. Auch Günther Bloch sieht den Menschen in der Verantwortung, wenn Hunde mit jedem hergelaufenen Geschlechtsgenossen Streit vom Zaun brechen oder Sex haben wollen. “Der Hund muss genau wie wir lernen, sein Verhalten zu kontrollieren. Dass ihn das situativ frustrieren kann, ist klar. Aber Frustration gehört zum Leben, die Welt ist nicht immer nur nett.”

    Für Forscher stehen die Nachteile der Kastration ganz klar im Vordergrund: “Mit Entfernen der Keimdrüsen, der Orte, an denen Geschlechtshormone wie Östrogen und Testosteron gebildet werden, greifen wir massiv in den Hormonhaushalt ein”, so Udo Gansloßer. “Sexualhormone korrespondieren im Körper mit vielen Hormonen. Das ist ein sehr fein abgestimmtes System, das dann aus dem Gleichgewicht kommt.” Hündinnen fehlt nach der Kastration das Hormon Östrogen, ein Gegenspieler des Testosterons, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Die Hirnanhangdrüse steuert diese Hormonproduktion, indem sie darauf achtet, dass die beiden Hormone im Gleichgewicht bleiben. “Fällt das Östrogen weg, wird unkontrolliert Testosteron produziert, diese Hündinnen können nach der Kastration dann ein männlicheres Verhalten zeigen.”

    Verhaltensforscher fordern deshalb, Hündinnen wenn überhaupt erst nach der dritten Läufigkeit zu kastrieren und Rüden mindestens zwei Jahre alt werden zu lassen. Tierärzte sehen das oft anders. Sie machen auch auf die gesundheitlichen Aspekte bei der Diskussion aufmerksam. Doch was sagt das Tierschutzgesetz? DOGS-Rechtsexperte Michael Schäfer: “Paragraf 6 des Tierschutzgesetzes lässt Geschlechtsorgan-Amputationen zu, wenn die Unfruchtbarmachung erforderlich ist, um eine unkontrollierte Fortpflanzung zu verhindern.” Da die wenigsten Hunde in Deutschland Streuner sind, tritt dieser Fall selten sein, denn “Hundehalter haben die Möglichkeit, den Rüden oder die Hündin durch vorübergehendes Einsperren, Anleinen oder ständiges Beaufsichtigen zu kontrollieren”, so Schäfer.

    In das Hormonsystem eingreifen?
    Besonders skeptisch sehen Verhaltensforscher Frühkastrationen: “Bei früh kastrierten Tieren sorgt der Wegfall der Hormone für einen Entwicklungsstopp im Gehirn, da während der Pubertät durch den Hormonschub die Hirnarchitektur umgebaut, die Leitungsgeschwindigkeit der Axone verbessert und neue Verschaltungswege geschlossen werden”, weiß Dr. Udo Gansloßer. “Nehmen wir einem Hund noch vor diesem Stadium die Geschlechtsorgane, findet diese Hirnentwicklung nicht oder nur abgeschwächt statt, es kommt zu einer permanenten Verjugendlichung.” Werden die Keimdrüsen erst später im Hundeleben entfernt, können Hunde aber meist ihr normales Sexualverhalten ausbilden. So kommt es dazu, dass Rüden nach ihrer Kastration weiter den dreibeinigen Stand beim Markieren zeigen oder auch weiterhin decken, wenn sie es vorher einmal gemacht haben. Eine Verhaltenskorrektur, wie sie sich viele Hundehalter von einer Kastration erhoffen, bleibt deshalb oftmals aus.

    Welcher Verhütungsschutz passt, hängt also von der Persönlichkeit des Tieres ab, seiner Lebenssituation – und wie tolerant sich sein Mensch zeigt. “Sexualverhalten gehört zum Hund dazu. Wer damit ein Problem hat, sollte sich keinen Hund halten”, findet Kurt Kotrschal. Doch nicht immer ist die Paarungshaltung ernst gemeint, gibt der Kanidenforscher Günther Bloch zu bedenken: “Das spielerische Aufreiten ist eine Sequenz aus dem normalen Sexualverhalten, das schon ganz kleine Welpen zeigen. Doch beim Spielen kommt es ständig zur Vermischung von mehreren Funktionskreisen. Eine Jagdsequenz wird von einer Kampfsequenz abgelöst, die wiederum in ein Aufreiten mündet. Das ist ganz normales Hundeverhalten, da sollten sich Menschen heraushalten!”

    Bespringt der eigene Hund aber Artgenossen, die seinem Geschlecht angehören, ist für manche Halter die Schmerzgrenze erreicht. Dorit Feddersen-Petersen erklärt das so: “Für einige ist der Hund ein erweitertes Ich. Die nehmen so ein Verhalten sehr persönlich und schämen sich in Grund und Boden.” Dabei denken sich die Tiere überhaupt nichts dabei. Udo Gansloßer: “Homosexualität gehört im Tierreich zum festen Verhaltensrepertoire sozialer Tiere.” Zum Problem wird Aufreiten erst dann, wenn ein Hund ständig das Tischbein, Menschen oder wehrlose Kollegen zur Triebabfuhr auswählt. “Dann müssen wir eingreifen”, meint Günther Bloch. Sein Vorgehen in so einem Fall ist resolut: “den übersteuerten Schnösel in die Schulterpartie stoßen, von seinem Opfer ziehen und die ganze Aktion mit der deutlichen Ansage Nein! verbinden. Das machen Sie fünf bis sechs Mal, dann hat der Hund das verstanden. In einem Familienverband würden die Leittiere extremes Aufreiten auch nicht durchgehen lassen. Da brauchen hormonübersteuerte Jungspunde auch die deutliche Ansage von uns.”

    Auch Udo Gansloßer hält nichts davon, den Sexualtrieb nur zu unterdrücken: “Neben einem lockeren Umgang mit der Hundesexualität muss dem Tier aber ein Ausgleich geboten werden. Viele Hunde sind so sexbesessen, weil sie keine befriedigenden Tätigkeiten kennengelernt haben.” Ein gesundes Maß an Lust sollten wir unseren Hunden also zugestehen – die meisten der sexuellen Handlungen auf der Hundewiese bleiben dank Kastration oder Sterilisation ohnehin ohne konkrete Folgen.

    Nur einer hat nach Erfahrung von Udo Kopernik, Pressesprecher des Verbands für das Deutsche Hundewesen, den größten Fortpflanzungserfolg: “In ländlichen Gegenden ist das immer noch der klassische Dorfcasanova.” Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Lauf seines Stromerlebens auf einige Hundedamen trifft, die ebenso wie er unkontrolliert im Revier herumlaufen, ist relativ hoch.

    Quelle – [URL=http://www.dogs-magazin.de/content/wissen/lets-talk-about-sex2.html]Dogs Magazin[/URL]

    #55532
    Anonym
    Inaktiv

    Hallo,

    ein sehr spannender Artikel, dessen Tenor ich nur zustimmen kann.

    Ein ebenfalls sehr aufschlussreiches Interview mit Dr. Udo Gansloßer zum Thema “Kastration und Sexualverhalten” findet Ihr übrigens auch in unserem Stadthunde-Magazin:

    [URL=http://www.stadthunde.com/magazin/gesundheit/hundegesundheit/hunde-kastration-interview-mit-dr-udo-ganslosser.html]Interview mit Dr. Udo Gansloßer[/URL]

    Liebe Grüße,
    Julia & Co

    #55569
    Anonym
    Inaktiv

    [quote]”Fällt das Östrogen weg, wird unkontrolliert Testosteron produziert, diese Hündinnen können nach der Kastration dann ein männlicheres Verhalten zeigen.”[/quote]

    Das erklärt z.B., warum Lieschen seitdem vermehrt markiert und dabei von Zeit zu Zeit ganz nach Rüden-Manier das Bein hebt – allerdings beim Sitzen-Pinkeln.
    Ihr rüpelhaftes Verhalten beim Kloppen und Spielen schreibe ich aber eher der Rasse zu, als der frühen Kastration ( mit 9 Monaten, mitten in erster Läufigkeit).

    #55588
    Anonym
    Inaktiv

    @Lupo: danke für den Link zum Interview, hatte ich noch nicht gelesen – wirklich sehr informativ!
    🙂

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